Warum harte Arbeit nicht mehr reicht

Interview mit „Working Class“-Autorin Julia Friedrichs

Die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs hat in ihrem aktuellen Buch „Working Class: Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“ Menschen begleitet, die dachten, dass ihre Arbeit sie durchs Leben tragen würde und nun feststellen müssen, dass es doch nicht reicht. Am Dienstag, 14. September, ist die Autorin zu Gast im Bremer Westend.

Text: Anna Zacharias
Foto: Istock (oben) / Andreas Hornoff (unten)

Vorab eine Frage, die mir auf der Seele brennt: Sie wurden 1979 in Westfalen geboren, leben in Berlin und sind Werder Fan. Wie kommt denn sowas?
Früher wollte ich mal Sportreporterin werden und habe mich schon immer für Fußball interessiert. Und Ende der 1990er Jahre war Werder einfach die beste Mannschaft – so hat sich das ergeben. Aus heutiger Sicht vielleicht eine Fehlentscheidung! Aber ich bin weiterhin treues Mitglied und Hardcore-Fan – deswegen freue ich mich umso mehr auf die Lesungen in Bremen.

Sie widmen sich in Ihrem Buch der Generation der nach 1980 Geborenen, die es wirtschaftlich schlechter hat als ihre Eltern…
Pauschal kann man das so nicht sagen – aber in diesen Jahrgängen übertrifft die Mehrheit zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich ihre Eltern nicht mehr. Teilweise haben die Jüngeren sogar weniger als ihre Eltern.

Wie ist es dazu gekommen?
Es gibt nicht die eine Ursache, die dazu geführt hat, es sind viele Faktoren, die den Aufstieg erschweren. Zum einen sind die Löhne nicht ausreichend gestiegen. In einigen Branchen sind sie in den 1990ern sogar gesunken. Die Entwicklungen werden durch den Mindestlohn nicht ausreichend abgefedert. Die Tarifbindung geht außerdem in vielen Branchen zurück. Gleichzeitig sind die Sozialabgaben gestiegen, worunter vor allem die niedrigen Einkommensgruppen leiden, die kein Vermögen mehr aufbauen können. Gleichzeitig setzen sich die Vermögenden weiter finanziell ab. Und auf einigen Märkten wie zum Beispiel dem Wohnungsmarkt konkurrieren diese Gruppen miteinander. Hier gilt das Ur-Versprechen nicht mehr, von seiner Arbeit leben zu können.

Statt „Arbeiterklasse“ verwenden Sie bewusst den Begriff „Working Class“. Warum?
Bei dem Begriff Arbeiterklasse denkt man an das Bild des Kohle-Kumpels oder des Fabrikarbeiters am Band, das aber so nicht mehr existiert. Die heutige Arbeiterklasse besteht zu einem großen Teil auch aus Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte, die kein Kapital besitzen und nur von Einkünften aus ihrer Arbeit leben. Der Paketbote ist da auf einer vergleichbaren Stufe mit der promovierten Musikschullehrerin, die auf Honorarbasis arbeitet. Für diese veränderte Arbeitswelt braucht es andere Begriffe.

Müssen sich die Jüngeren bei allen wirtschaftlichen Problemen aber nicht auch an die eigene Nase fassen? Hätten sie bei der Berufswahl vielleicht auch mehr auf Zukunftsfähigkeit der Branchen schauen sollen anstatt auf Neigung und Selbstverwirklichung? Vor allem im MINT-Bereich, wo Fachkräftemangel herrscht, gibt es ja durchaus noch gut bezahlte Jobs.
Diese Herangehensweise halte ich für problematisch. Bei der Lagerarbeiterin, die für zehn Euro die Stunde arbeitet, fragen manche: Warum geht sie nicht einfach woanders hin? Tatsache ist, dass sie irgendwo unterkommen muss. Und auch bei der Musiklehrerin ist es ja nicht so, dass es keinen Bedarf gibt: Es gibt genug Kinder, die ein Instrument lernen wollen. Die Frage nach der Verantwortung ist schwierig. Bei Lehrkräften sprach man eine Zeit lang von einem Überangebot, dann kam der Mangel – hätte man das als junger Mensch vorhersehen können?

„Zwischendurch war ich der Hoffnung, dass sich das Bewusstsein geändert hat und die Menschen an den Supermarktkassen oder in der Pflege mehr Wertschätzung erfahren. Aber letzten Endes sind es doch wieder die niedrigen Einkommen, die von der Pandemie gebeutelt sind."

Julia Friedrichs arbeitet für die ARD, das ZDF und Die Zeit. Sie ist Verfasserin gesellschaftspolitischer Bücher und wurde u.a. mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Die „Working Class“ wächst, aber solange die Mittelschicht mit ihren Gewinnen aus Kapitalerträgen in der Mehrheit ist und die Wahlen dominiert, besteht wenig Hoffnung auf Änderung, oder?
Man muss nicht gleich in Fatalismus verfallen, es gibt auch zielgenaue Verbesserungsmöglichkeiten. Der U-Bahnhof-Reiniger Sait, den ich für das Buch begleitet habe, hat einen wirklich harten Job. Ihn habe ich gefragt, was sich ändern müsste und er sagte: mit 14 bis 15 Euro in der Stunde müsste er nicht immer überlegen, wie er seine Rechnungen zahlen soll, außerdem wünschte er sich mehr Respekt für seine Arbeit. Deswegen ist es wichtig, sich für Tarifverträge einzusetzen. Viele Betroffene machen sich vor allem auch Gedanken darüber, wie es ihren Kindern einmal gehen soll. Die alltäglichen Probleme im Alltag in den Bereichen Wohnen und Vermögensaufbau ließen sich politisch lösen. Die Kluft zwischen arm und reich muss wieder in ein vernünftiges Maß gelenkt werden.

Der Frust über die Arbeitsbedingungen landet oft nicht beim Arbeitgeber selbst, sondern bei den Gewerkschaften – die sich ja durchaus für die Interessen der Working Class einsetzen und zum Beispiel in Bremen gemeinsam mit der Politik einen Landesmindestlohn von 12 Euro durchgesetzt haben. Was müssten sie anders machen?
Die Gewerkschaften sind in einem Teufelskreis: Sie verlieren Mitglieder und damit Einfluss und damit wieder Mitglieder. Sie müssen Präsenz zeigen und brauchen ein großes Thema, zum Beispiel in der Dienstleistungsbranche – beim Lieferdienst Gorilla war die Kommunikation jüngst sehr erfolgreich, man hat sich über Whats-App-Gruppen organisiert. Der Vorwurf von jüngeren Arbeitnehmenden lautet ja oft, dass sich die Gewerkschaften vor allem um die kümmern, die es nicht dringend bräuchten, nämlich die Tarifkräfte. Es bleibt das Gefühl: Für uns setzt ihr euch nicht ein.

Den Jüngeren wird häufig vorgeworfen, ihnen fehle die Bereitschaft zu solidarischem Engagement beispielsweise im Betriebsrat, ist da etwas dran?
Es stimmt, dass viele junge Menschen mit dem Bewusstsein in die Arbeitswelt eingetreten sind, dass schon viel erstritten wurde und vielleicht dem Irrtum aufgesessen sind, dass das von alleine so bleibt. Das ist nicht der Fall, vieles muss neu erkämpft werden. Für die Arbeitnehmer*innen ist es auf der anderen Seite aber auch schwierig, sich zu organisieren, weil viele in Ich-AGs unterwegs sind wie die Honorarkräfte beispielsweise. Am Band stand man dagegen Seite an Seite.

Glauben Sie, dass sich die Lage durch die Pandemie noch verschlimmern wird?
Das ist noch offen. Zwischendurch war ich der Hoffnung, dass sich das Bewusstsein geändert hat und die Menschen an den Supermarktkassen oder in der Pflege mehr Wertschätzung erfahren. Aber letzten Endes sind es doch wieder die niedrigen Einkommen, die von der Pandemie gebeutelt sind. Sie sind zwar als systemrelevant anerkannt worden – das hatte bislang aber keine Konsequenzen. Ob es die tatsächlich nicht gibt, wird sich zeigen.

Lesung und Diskussion in Bremen und Bremerhaven

Julia Friedrichs liest am 13. September, 19.30 Uhr in der Arbeitnehmerkammer in Bremerhaven (Forum) und am 14. September, 19.30 Uhr in der Kulturwerkstatt Westend in Bremen im Rahmen unserer neuen Veranstaltungsreihe tekst. Die Moderation übernimmt Arbeitnehmerkammer-Geschäftsführerin Elke Heyduck. 

Eintrittskarten:  8 Euro/5 Euro ermäßigt mit KammerCard
Vorverkauf Arbeitnehmerkammer Bremen, Geschäftsstelle Bremerhaven
Karten erhalten Sie im persönlichen Verkauf in unserer Geschäftsstelle (Montag bis Donnerstag: 8 - 18.30 Uhr Freitag: 8 - 13 Uhr)
Reservierung unter Tel.: 0471/92235-15 oder per E-Mail: kultur@arbeitnehmerkammer.de
Bei Überweisung und Abholung zum Wunschtermin berechnen wir eine Verwaltungsgebühr von 2 Euro.
Kulturwerkstatt westend
Reservierung unter Tel.: 0421/616 04 55 oder per E-Mail: buero@westend-bremen.de (unter Angabe der Kontaktdaten: Name und Telefonnummer jeder angemeldeten Person)
Möglich bis spätestens 12 Uhr am Veranstaltungstag. Die Reservierung wird Ihnen bestätigt.
Es gelten die aktuellen Hygieneregeln. Bitte informieren Sie sich vor der Veranstaltung auf der Website über mögliche Änderungen und die geltenden Schutzmaßnahmen.
Veranstaltungsorte
Arbeitnehmerkammer Bremen, Geschäftsstelle Bremerhaven Barkhausenstraße 16 27568 Bremerhaven
Kulturwerkstatt westend e.V. Waller Heerstraße 294 28219 Bremen

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