Barbara Reuhl zu Gesundheitsrisiken im Beruf bei Frauen

Interview mit unserer ehemaligen Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik

Berufliche Gesundheitsrisiken von Frauen werden unterschätzt

Inwiefern sind Frauen im Berufskrankheitengeschehen unterrepräsentiert – und welche frauenspezifischen Besonderheiten müssten stärker berücksichtigt werden?

Das Interview mit unserer ehemaligen Referentin erschien am 20. Dezember 2019 auf www.gerechte-gesundheit.de.

Barbara Reuhl, ehemalige Referentin für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen, bewertet die derzeit angestoßene Reform des Berufskrankheitenrechts ziemlich ambivalent.

Frauen sind im Berufskrankheitengeschehen unterrepräsentiert. Wie lässt sich das in Zahlen fassen?
Die Datenlage ist unbefriedigend, denn die Berufskrankheitenstatistik differenziert nicht nach Geschlecht. Das muss sich zukünftig ändern. Einige Erkenntnisse liegen jedoch vor: So wird für Männer mehr als doppelt so oft als für Frauen der Verdacht auf Vorliegen einer Berufskrankheit angezeigt.

Wie viele Positionen umfasst die Berufskrankheitenliste?

Gegenwärtig sind es 80 Positionen. Frauen sind jedoch nur von wenigen Erkrankungen betroffen. Etwa zwei Drittel ihrer Anzeigen entfallen auf Hauterkrankungen wie Ekzeme, die durch Feuchtarbeit und Chemikalien hervorgerufen werden, beispielsweise bei Friseurinnen. Ansonsten spielen fast ausschließlich Bandscheibenerkrankungen – man denke an Pflegeberufe –, Infektionskrankheiten und bestimmte Atemwegserkrankungen eine Rolle bei den weiblichen Beschäftigten.

Welche frauenspezifischen Besonderheiten müssten mehr beachtet werden? Und wie kann Frauen im Berufskrankheitenrecht stärker gerecht werden?

Forschung und Prävention kommen erst in Gang, wenn ein Problem bekannt ist. Handlungsdruck entsteht durch soziale Bewegungen – hier sind Wissenschaft, Gewerkschaften und Arbeitsschutz gefordert. Wir brauchen bessere Erkenntnisse über berufliche Gesundheitsrisiken von Frauen. Die Belastungen von Frauen werden häufig unterschätzt, Rollenbilder verstellen den Blick. Arbeitsschutz braucht Geschlechtersensibilität; er muss sich den Bereichen mit hohem Frauenanteil wie personenbezogenen Dienstleistungen, Erziehung und Gesundheit verstärkt zuwenden. Wissensdefizite zu den beruflichen Ursachen frauenspezifischer Erkrankungen müssen behoben werden. Ich denke beispielsweise an Brustkrebs als häufigste weibliche Krebserkrankung und zweithäufigste krebsbedingte Todesursache nach Lungenkrebs überhaupt.

Wie sieht es bei der Berufskrankheitenrente aus?

Frauen haben schlechtere Chancen, dass sich beruflich bedingte Risiken nachweisen lassen.

Woran liegt das?

Das Erwerbsleben von Frauen verläuft häufig diskontinuierlich, mit Unterbrechungen und Arbeitgeberwechseln. Frauen sind überproportional in Teilzeit oder prekärer Arbeit anzutreffen, in Kleinbetrieben ohne Betriebsrat. Eine hohe Hürde ist auch der Unterlassungszwang.

Was bedeutet das?

Es besteht nur dann eine Chance auf Anerkennung einer Hauterkrankung als Berufskrankheit und damit auf Entschädigung, wenn die verursachende berufliche Tätigkeit schon vor der Anzeige aufgeben wurde. Und das, obwohl der Ausgang des Verfahrens offen ist. Eine betroffene Frau wird daher möglicherweise erst gar keine Berufskrankheitenanzeige stellen. Übrigens machen Haupterkrankungen fast 90 Prozent der bestätigten Fälle bei Frauen aus.

Das Bundesarbeitsministerium will das Berufskrankheitenrecht reformieren. Wie bewerten Sie die geplante Reform?

Positiv ist, dass Kataster aufgebaut werden sollen, um den Expositionsnachweis bei fehlenden Unterlagen im konkreten Fall zu erleichtern. Überfällig ist die Aufhebung des Unterlassungszwangs. Ich befürchte jedoch, dass sich der Präventionszwang der Versicherten als Voraussetzung für Leistungen der Berufsgenossenschaften als Bumerang entpuppen wird. Außerdem bildet sich die industriell-gewerbliche Arbeitswelt ab Ende des 19. Jahrhunderts noch immer im Berufskrankheitenrecht ab.

Mit welchen Folgen?

Mit psychischen Belastungen tut es sich schwer. Die Reform ändert daran absehbar leider nichts. Es fehlen auch Ansätze, um frauenspezifische Aspekte in die vorhandenen und neuen Listenerkrankungen einzubeziehen, beispielsweise  geschlechterdifferenzierte Dosiswerte und Belastungen bei weiblich dominierten Tätigkeiten.

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